Frauenwahlrecht und Veganismus verbindet mehr als wir denken – Eine Erinnerungsschrift zum 8.März

Am 8. März ist Internationaler Frauentag. Seit 1921 tragen Frauen an diesem Tag weltweit ihre Forderungen nach gleichen Chancen, gleichen Lohn für gleiche Arbeit, gerechte Verteilung von Sorgearbeit und körperlicher Selbstbestimmung auf die Straßen. Besonders in den letzten Jahren bekam dieser Tag mit spektakulären Aktionen wieder mehr Aufmerksamkeit. In Spanien beispielsweise legten 2018 unter dem Slogan “Wenn wir streiken, steht die Welt still” Millionen Frauen ihre Arbeit nieder. Es war die größte Mobilisierung von Frauen in der Geschichte Spaniens, mit der das Land teilweise lahmgelegt und feministische Forderungen weiter vorangetrieben wurden. 

Ursprünglich diente der 8. März vor allem als öffentlicher Kampftag, um das Frauenstimmrecht zu initiieren. Ein Recht, welches Frauen in Deutschland seit gerade mal 100 Jahren zusteht. Bei unserer Nachbarin der Schweiz wurde das uneingeschränkte Wahlrecht für Frauen sogar erst 1971 eingeführt. Umso erfreulicher ist es, dass sich Anfang des 20. Jahrhunderts bereits vegetarische Magazine mit dem Thema befassten. So veröffentlichte zum Beispiel das “The Vegetarian Magazine” zu jener Zeit eine Kolumne mit dem Titel „Der Zirkel für Frauenwahlrecht“. Das war kein Zufall. Ein Blick in die Geschichte zeigt eine tiefe Verbundenheit der vegetarischen Bewegung mit der Suffragettenbewegung. Als Suffragetten wurden organisierte Frauen in Großbritannien und den Vereinigten Staaten bezeichnet, die für das Frauenwahlrecht kämpften. Die Bewegung war deutlich radikaler als die bisherige Frauenstimmrechtsbewegung. Mit Protestaktionen, zivilem Ungehorsam, Hungerstreiks, aber auch militanteren Aktionen wie dem Zerschlagen von Fensterscheiben oder dem Kappen von Telegrafenkabeln verliehen sie dem Thema mehr Gewicht im öffentlichen Diskurs, der bis dato immer wieder zurückgedrängt wurde. 

Die Historikerin Leah Lenemann, eine Pionierin der schottischen Frauengeschichte und selbst Veganerin, veröffentlichte 1997 eine wissenschaftliche Abhandlung in der sie untersuchte, inwieweit ein vegetarischer Lebensstil in den verschiedenen Strömungen der Frauenwahlrechtsbewegung verbreitet war und was die beiden Bewegungen verband.  

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es in Großbritannien drei große Organisationen. Die National Union of Women’s Suffrage Societies (NUWSS) war die älteste Frauenwahlrechtsorganisation und arbeitete mit „konstitutionellen“ Methoden, hielt sich also an Gesetze und Vorgaben. Die zweite wichtige Organisation war die Women’s Social and Political Union (WSPU), die als der militante Arm der englischen Frauenrechtsbewegung galt und die Gründerinnen Emmeline Pankhurst und ihre beiden Töchter Christabel und Sylvia berühmt machte. 1907 spaltete sich von der WSPU als dritte Organisation die Women’s Freedom League (WFL) ab, deren eigene Zeitung “The Vote” als wichtigstes Kommunikationsmittel für die Verbreitung der Ideen und Informationen der englischen Frauenrechtsbewegung galt. 

Nicht nur die Präsidentin der WFL, Charlotte Despard, war überzeugte Vegetarierin. Anhand von verschiedenen Dokumenten kann nachvollzogen werden, dass ein vegetarischer Lebensstil Teil der moralischen Werte der Organisation war. Darüber hinaus eröffnete die WFL während der Kriegsjahre in verschiedenen Teilen des Landes eigene vegetarische Restaurants. In einer Zeitschrift der Vegetarian Society aus dem Jahr 1907 steht Folgendes: „Es ist interessant zu sehen, wie der Vegetarismus mit progressiven Bewegungen verknüpft wird. Eine ganze Reihe von Führungspersönlichkeiten in der Frauenrechtsbewegung sind Vegetarierinnen.“ Auch in der WSPU war eine vegetarische Ernährung verbreitet. Dies kann wiederum aus den Tagebüchern der Familie Blathwayt nachvollzogen werden, die auf ihrem Anwesen in Batheaston regelmäßig Mitglieder der WSPU in Empfang nahm. „Am 30. April 1910 hielt Frau Blathwayt fest, dass Marion Wallace Dunlop (die erste Suffragette, die in den Hungerstreik trat) und Florence Haig (eine Bildhauerin, die mehrmals inhaftiert war), ‚wie so viele von ihnen niemals Fleisch und nur selten tierische Lebensmittel essen.‘“ Weitere Dokumente und Briefe bestätigen diese Aussage. So schrieb beispielsweise Phoebe Hesketh, dass ihre Tante Edith Rigby, Sekretärin des WSPU-Zweigs in Preston, Vegetarierin sei. Auch Leonora Cohen, Sekretärin der Zweigstelle Leeds, die für das Zerschlagen der Glasvitrine der Kronjuwelen im Tower of London inhaftiert wurde, war Vegetarierin und führte während der Kriegsjahre für die Vegetarian Society Kochvorführungen durch. 

In der nicht-militanten NUWSS waren genauso vegetarische Lebensstile anzutreffen. So soll die Pazifistin Eva Gore-Booth 26 Jahre ihres Lebens Vegetarierin gewesen sein und die Schwestern Nora und Margaret O’Shea setzten sich sowohl für Vegetarismus als auch für Tierschutz ein. Generell waren es Lenemann zufolge eher die linksgerichteten, sozialistisch orientierten Mitglieder der NUWSS, die vegetarisch lebten. Zum Beispiel Ada Nield Chew, die sich für die Belange der Arbeiterinnen einsetzte, oder die Sozialistin Isabella Ford, die angab aus humanitären Gründen Vegetarierin zu sein. Margaret Cousins, die Mitbegründerin der Irish Women’s Franchise League und Mitglied der Irish Vegetarian Society, betonte vor allem die praktischen Vorteile, die eine vegetarische Ernährung für Frauen hatte. So beanspruchte die Zubereitung von Fleischmahlzeiten für die Familie – die damals alleinige Aufgabe der Frau war – enorm viel Zeit, welche die Frauen dank vegetarischer Küche nun für den Kampf für das Frauenwahlrecht nutzen konnten. Cousins war bestrebt, sowohl die Hände als auch den Geist der Frauen zu befreien, da diese durch die gegenwärtigen Regelungen zur Haushaltsarbeit keinerlei Zeit hätten, sich mit sozialen Problemen auseinanderzusetzen. „Die Suffragetten-Bewegung ist enger mit der Ernährungsreformbewegung verbunden, als den Anhänger*innen beider Bewegungen bewusst ist“, so Cousins.

Ein weiteres Argument für die Überschneidung beider Bewegungen lag in der psychologischen Identifizierung von Frauen mit Tieren als Opfer männlicher Gewalt. So beobachtete die Suffragette Constance Lytton 1908 wie eine Gruppe von Männern ein Schaf, das aus dem Schlachthof entkommen war, umzingelten und versuchten einzufangen. Das Schaf geriet zunehmend in Panik, was bei den Männern für Belustigung sorgte. Schließlich wurde es gefangen und einer der Männer gab dem Tier für sein widerständiges Verhalten noch einen Schlag ins Gesicht. Lytton schrieb später darüber in ihrem Buch „Prisons and Prisoners“: „[Dieses Ereignis] schien mir zum ersten Mal die Stellung der Frauen in der Welt zu offenbaren. Mir wurde klar, wie oft Frauen als Wesen aus dem Schutzbereich der Menschenwürde ausgeschlossen und verachtet, eingeengt, ausgelacht und beleidigt werden. Das alles aufgrund von Bedingungen, für die sie nicht verantwortlich sind, die aber auf grundlegende Ungerechtigkeiten ihnen gegenüber zurückzuführen sind und auf die Fehler einer Zivilisation, an deren Gestaltung sie keinen freien Anteil hatten.“ 

Im Gegensatz zu der Betonung der Opferrolle sahen andere Suffragetten im Vegetarismus einen Weg sich selbst zu ermächtigen. „Es gibt sehr viele Frauen, die sich wünschen, sie könnten etwas tun, um die Welt ein bisschen besser zu machen, die sich nach einer Mission sehnen, aber deren Bindungen zu Hause zu groß und zu beständig sind, um ihnen die Freiheit dafür zu geben“, schreibt Margaret Cousins. „Jetzt haben sie in der Sache der Ernährungsreform ein glorreiches Missionsfeld“, so Cousins weiter. Grundlegend bestand die Überzeugung, dass die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen an Politik und dem öffentlichen Leben zu einer gerechteren und mitfühlenderen Welt führen würde. Da die vegetarische Bewegung dasselbe übergeordnete Ziel hatte, überrascht es nicht, dass sich so viele Suffragetten vegetarisch ernährten, so das Fazit der Historikerin Leneman. 

Schon vor über 100 Jahren wussten die Menschen, wie wichtig es für einen grundsätzlichen gesellschaftlichen Wandel ist, verschiedene progressive Bewegungen miteinander zu verbinden. Einiges wurde erreicht, vieles steht noch aus.

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Passend zum Thema möchte ich euch den Film „Suffragette – Taten statt Worte“ empfehlen. Hier der Trailer: 

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Der Text erschien zuerst in dem Magazin Kochen ohne Knochen Ausgabe #42 (01/2021). Mehr zum Thema findet ihr in meinem Buch „Food Revolte: Ein vegan-feministisches Manifest“.

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*Daten und Zitate stammen aus Leneman L. (1997): The awakened instinct: vegetarianism and the women’s suffrage movement in Britain. Women’s History Review. 6:2. S. 271–287. DOI: 10.1080/09612029700200144

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Photos by Claudio Schwarz | @purzlbaum

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