Fleischverzehr in Deutschland sinkt auf Rekordtief

Das waren doch mal gute Neuigkeiten zum Wochenbeginn! Wie das Bundesinformationszentrum Landwirtschaft (BZL) am Montag bekannt gab, ist der Pro-Kopf-Verzehr von Fleisch 2020 in Deutschland auf ein Rekordtief gesunken. Mit 57,3 Kg pro Person war der Konsum so niedrig wie noch nie seit Berechnung des Verzehrs im Jahr 1989. Auch die Fleischproduktion und der Außenhandel verzeichneten einen Rückgang.[1]

Nun war im Pandemiejahr 2020 ja alles irgendwie anders, sind die Zahlen also keine Rede wert? Nein, sogar im Gegenteil. Denn eine Studie der Europäischen Union zum Einfluss der Covid-19-Pandemie auf das Ernährungsverhalten der Bürger:innen in der EU zeigt: Während alle Länder einen leichten Anstieg des Fleischkonsums verzeichneten, ging er in Deutschland und Frankreich zurück. [2] In Deutschland – wie wir jetzt wissen – sogar auf ein Rekordtief. 

Das macht die ganze Sache so spannend und wirft die Frage auf: Wie kommt’s? Darüber kann man aktuell natürlich nur spekulieren. Ein paar mögliche Gründe möchte ich im Folgenden vorstellen:

1.Der Veggie-Trend

Die tiefgreifende und nachhaltige Entwicklung hin zu mehr pflanzlichen Produkten ist in Deutschland besonders ausgeprägt. Hier gibt es mehr vegane Produktneuheiten als in jedem anderen europäischen Land. Laut dem Marktforschungsunternehmen Mintel kamen zwischen Juli 2017 und Juni 2018 15 % der weltweit neuen veganen Produkte aus der Bundesrepublik. [3] 2020 zeigte eine Forsa-Befragung des Bundeslandwirtschaftsministeriums, dass sich bereits 55 % als Flexitarier*innen bezeichnen, also regelmäßig bewusst auf Fleisch verzichten, und gleichzeitig der Konsum pflanzlicher Fleischalternativen ansteigt. Bei knapp der Hälfte der Befragten sind entsprechende Produkte bereits ein- oder mehrmalig im Einkaufskorb gelandet, in der Altersspanne der 14-44 Jährigen sind es sogar über 60 %.[4] Währenddessen nimmt die Zahl vegetarisch und vegan lebender Menschen besonders in der Altersgruppe der 15- bis 29-Jährigen zu und liegt dort mittlerweile doppelt so hoch wie in der Gesamtbevölkerung. [5]

2. Schlachtbetriebe wurden zu Corona-Hotspots

Schlachthöfe entwickelten sich aufgrund der schlechten Arbeitsbedingungen zu regelrechten Corona-Hotspots. Über 2.100 positive Fälle konnten allein im Sommer 2020 beim Fleischhersteller Tönnies im Kreis Gütersloh verzeichnet werden.[6] Zahlreiche weitere Schlachtbetriebe wie Wiesenhof, Westfleisch oder Geestland gerieten ebenfalls in die Schlagzeilen und auch spanische und französische Schlachtbetriebe hatten mit hohen Infektionszahlen zu kämpfen. Hier kann ich zwar keine repräsentative Studie präsentieren, aber in meinem Bekanntenkreis gab es gleich mehrere Fälle von Personen, die dadurch einen so nachhaltigen Ekel vor Fleisch (insbesondere Schweinefleisch) entwickelt haben, dass sie sich bis heute fast komplett vegetarisch ernähren und ihr Interesse an veganen Produkten geweckt wurde.

3. Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt

In diesem Fall, was in der Außer-Haus-Verpflegung auf den Tisch kommt. Viele Mensen, Kantinen und Cateringunternehmen bieten noch immer vor allem eines an: Fleisch in Hülle und Fülle. Nicht selten ist das „vegetarische“ Menü sogar mit Fisch. Autsch. Nun war die Außer-Haus-Verpflegung bekanntermaßen in 2020 quasi nicht existent, was sicherlich zu einem Rückgang des Konsums beigetragen hat. Es wurde stattdessen mehr selbst gekocht, das bestätigt auch die Umfrage der EU, und hier haben sich dann viele Deutsche aktiv gegen Fleisch entschieden.

Was auch immer die Gründe sind, diese Entwicklung ist höchst erfreulich und muss weiter gefördert werden. Soll heißen: Wenn diese Pandemie endlich überstanden ist, dürfen wir nicht wieder in alte Muster verfallen. Doch auch hier gibt es gute Neuigkeiten: Laut der Jahresauswertung von Google wurde 2020 nach „die Welt verändern“ doppelt so oft gesucht wie „zurück zur Normalität“.[7]

Quellen

[1] BLE (2021) Versorgungsbilanz Fleisch. Online unter: https://www.bmel-statistik.de/ernaehrung-fischerei/versorgungsbilanzen/fleisch/ [25.03.2021]

[2] European Institute of Innovation and Technology (2020): COVID-19 impact on consumer food behaviours in Europe. Online unter https://www.eitfood.eu/media/news-pdf/COVID-19_Study_-_European_Food_Behaviours_-_Report.pdf [25.03.2021]

[3] Mintel (2018) Deutschland dominiert weiterhin bei veganen Produkteinführungen. Online unter: http://de.mintel.com/pressestelle/deutschland-dominiert-weiterhin-bei-veganen-produkteinfuehrungen [25.03.2021]

[4] Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) (2020): Forsa-Befragung des Bundeslandwirtschaftsministeriums zu Fleischkonsum/Ernährungsverhalten. Online unter https://www.agrar-presseportal.de/forsa-befragung-des-bundeslandwirtschaftsministeriums-zu-fleischkonsum-ernaehrungsverhalten_article1590307479.html [25.03.2021]

[5] Spiller A. et al. (2021): Fleischkonsum in Deutschland: Weniger ist mehr. Online unter https://www.boell.de/de/2021/01/06/fleischkonsum-deutschland-weniger-ist-mehr [25.03.2021]

[6] Deutsches Ärzteblatt (2020): Coronafälle bei Tönnies: Fast alle infizierten sich im Werk. Online unter https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/116065/Coronafaelle-bei-Toennies-Fast-alle-infizierten-sich-im-Werk [25.03.2021]

[7] Google’s Year in Search 2020

Photo by Boris Slogar 

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