Planetary Health Diet weitergedacht: Neue Impulse aus meiner Forschung

Dieses Jahr begann für mich mit einem echten Paukenschlag. Während ich in London auf der Winterkonferenz der Nutrition Society darüber sprach, wie nationale Ernährungsrichtlinien inklusiver gestaltet werden können, erreichte mich die Nachricht: Die zweite Publikation meiner Doktorarbeit wurde im Lancet angenommen! Der Lancet ist eines der weltweit renommiertesten medizinischen Fachmagazine, mit enormer globaler Reichweite – und ja, ich war (und bin noch immer) völlig aus dem Häuschen.


Pflanzenorient bleibt Ansatz der Stunde – aber mit Feinschliff

Unsere Studie trägt den Titel Recommendations to address the shortfalls of the EAT–Lancet planetary health diet from a plant-forward perspective“. Darin untersuchen wir, wie die Planetary Health Diet (PHD) – entwickelt von der EAT-Lancet-Kommission – weiterentwickelt werden kann, um vor allen inklusiver und praktikabler zu sein.

Die PHD setzt auf eine Ernährung, die stark pflanzenbasiert ist: Gemüse, Obst, Hülsenfrüchte, Nüsse, Vollkornprodukte sollen den Hauptteil der Ernährung ausmachen. Moderate Mengen Milchprodukte und geringe Mengen Fleisch und Fisch können – aber müssen nicht – Teil der Ernährung sein. Ziel ist eine Balance zwischen der Gesundheit des Menschen und der Gesundheit des Planeten.

Wir haben mehrere Aspekte identifiziert, bei denen Anpassungen besonders sinnvoll sind:


Unsere 7 zentralen Empfehlungen im Überblick

  1. Optimierung der Mikronährstoffversorgung
    Pflanzliche Lebensmittel sind unglaublich wertvoll aber manche enthalten Stoffe (wie Phytate), die die Aufnahme von Eisen, Zink oder Kalzium erschweren. Entscheidend sind Empfehlungen zur Verfügbarkeit von Nährstoffen in pflanzlichen Nahrungsmitteln für den menschlichen Körper und Angaben dazu, welche einfachen Maßnahmen diese verbessern können: zum Beispiel Einweichen, Fermentieren, Kochen und Weiterverarbeiten, aber auch eine gezielte Kombination von Nahrungsmitteln.
  2. Mehr Berücksichtigung regionaler & kultureller Vielfalt
    Ernährung kann nicht „one-size-fits-all“ sein. Regionen unterscheiden sich stark in Kultur, verfügbaren Lebensmitteln und Traditionen. Regionaltypische Nahrungsmittel (indigene Lebensmittel), die nährstoffreich und klimaresistent sowie erschwinglich und lokal verfügbar sind, sollten klar zu benannt werden.
  3. Anreicherung & Supplementierung
    Ein weiterer Punkt ist die Rolle von Lebensmittelanreicherung und Supplementen. Die PHD erwähnt dies bislang nur am Rande – dabei zeigen zahlreiche Beispiele, dass die gezielte Anreicherung von Grundnahrungsmitteln (z. B. Jodsalz, Eisen im Mehl oder Folsäure im Getreide) weltweit Mangelernährung wirksam bekämpft hat. Auch Nahrungsergänzungsmittel, etwa Eisen und Folsäure für Schwangere, sind wichtige Instrumente der öffentlichen Gesundheit. Ob pflanzen- oder tierbasiert: Ohne Anreicherung oder Supplemente lassen sich bestimmte Nährstofflücken kaum schließen. Deshalb sollten sie integraler Bestandteil moderner Ernährungsempfehlungen sein.
  4. Vielfalt & Inklusion in Ernährungsrichtlinien
    Die PHD lässt tierische Produkte optional – ein bereits sehr inklusiver Ansatz. Dennoch berücksichtigt sie bisher nicht ausreichend die Bedürfnisse vegetarisch und vegan lebender Menschen. So fehlen etwa konkrete Hinweise zu pflanzlichen Calciumquellen oder laktosefreien Alternativen. Dabei haben rund 70 % der erwachsenen Weltbevölkerung Schwierigkeiten, Laktose – den Milchzucker in Kuhmilch – zu verdauen. Die Folgen können Blähungen, Bauchschmerzen oder Durchfall sein. Um wirklich inklusiv zu sein, sollte die PHD pflanzliche Milchalternativen, calciumreiches Mineralwasser oder calciumhaltige Gemüsesorten explizit erwähnen.
  5. Geschlechterperspektiven
    Ein wichtiger Aspekt unserer Analyse ist, dass die PHD die besonderen Nährstoffbedarfe von Frauen im reproduktiven Alter, vor allem in Bezug auf Eisen, bislang nicht ausreichend berücksichtigt. Gleichzeitig zeigt die Forschung, dass Frauen weltweit deutlich weniger Fleisch und häufiger pflanzliche Lebensmittel konsumieren – und dieser Unterschied wächst sogar mit steigendem Wohlstand und Gleichstellung der Geschlechter. Spannend oder? Pflanzlich orientierte Ernährungsweisen sind daher besonders für Frauen relevant. Studien belegen zudem spezifische Gesundheitsvorteile wie ein geringeres Risiko für Endometriose und Brustkrebs. Deshalb schlagen wir geschlechtersensible, pflanzenbasierte Empfehlungen vor, die alle Lebensphasen berücksichtigen.
  6. Verarbeitete Lebensmittel & pflanzliche Alternativen
    Die PHD warnt vor stark verarbeiteten Lebensmitteln – doch nicht alle sind automatisch ungesund. Produkte wie abgepacktes Vollkornbrot oder mit Kalzium angereicherte Sojamilch zählen zur Kategorie „hoch verarbeitet / ultra-processed food“ können aber eine wertvolle Rolle in einer gesunden, nachhaltigen Ernährung spielen. Um gesunde verarbeitete Nahrungsmittel zu erkennen, brauchen die Verbraucher jedoch eine klare Anleitung zur Auswahl. Es gilt, pauschale Verurteilungen jeder Verarbeitung zu entkräften und Verbraucher aufzuklären, dass sie zum Beispiel zugesetzten Zucker sowie große Mengen an Salz und gesättigten Fetten meiden sollten. Orientieren können sie sich dabei zum Beispiel an Kennzeichnungen wie dem Nutri-Score.
  7. One Health – Gesundheit ganzheitlich denken
    Ein weiterer blinder Fleck der Planetary Health Diet ist die fehlende Integration des One Health-Ansatzes, der die Gesundheit von Mensch, Tier und Umwelt gemeinsam betrachtet. Besonders der hohe Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung fördert Resistenzen – eine der größten globalen Gesundheitsgefahren. Zudem erhöhen Fleischproduktion und intensive Tierhaltung das Risiko von Zoonosen und Lebensmittelinfektionen. Da die Folgen wie Antibiotikaresistenzen oder neue Infektionskrankheiten vor allem jene treffen, die selbst kaum zur Verursachung beitragen, sollte One Health zwingend in Ernährungsstrategien integriert werden.

Warum es jetzt darauf ankommt

In Zeiten von Klimawandel, Ressourcenknappheit und zunehmender Ungleichheit sind nachhaltige Ernährungskonzepte nicht nur eine Option, sondern eine dringende Notwendigkeit. Die Planetary Health Diet bietet eine hervorragende Basis – aber ohne gezielte Verbesserungen besteht die Gefahr, dass sie für manche Menschen nicht ganz passt oder wichtige Nährstoffe zu kurz kommen.

Mit unserer Studie wollen wir dazu beitragen, die PHD so anzupassen, dass sie global wirkt, ohne lokale Realitäten zu übersehen – und ohne Kompromisse bei Nachhaltigkeit oder Gesundheit einzugehen.


Ich bin sehr stolz auf diese Arbeit und hoffe, dass sie politische Entscheidungsträger:innen, Gesundheitsfachleute und jede:n Einzelne:n inspiriert, pflanzenorientierte Ernährung nicht nur als Trend, sondern als integralen Teil einer gesunden und gerechten Zukunft zu verstehen.

Vielen Dank an alle Mitautoren und Unterstützer! Auf die nächsten Schritte.

Publikation:

Klapp AL, Wyma N, Alessandrini R, Ndinda C, Perez-Cueto A, Risius A. (2025): Recommendations to address the shortfalls of the EAT-Lancet planetary health diet from a plant-forward perspective. Lancet Planet Health. 2025 Jan;9(1):e23-e33. doi: 10.1016/S2542-5196(24)00305-X. PMID: 39855229.

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